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Jamais

Ich melde mich zurück mit etwas älterem. Ich schrieb es vor fast einem Jahr.  Es gehört in die Kategorie "Ich muss es aus meinem Kopf kriegen, sonst platze ich" und ist gleichzeitig fiktiv und autpbiographisch. Fiktiv, weil es nie so passiert ist. Autobiographisch, weil ich exakt so gedacht und gefühl habe. Beim erneuten Durchlesen stellte ich außerdem fest, dass ich den Anfang, den ich mir damals so sehr gewünscht habe, nur einen Monat später bekommen habe. Auf andere und unerwartete Weise, aber ein Anfang war es doch, der Anfang von etwas, das bis heute andauert und mich vermutlich nie wieder loslassen wird. Danke dafür, ehrlich.  Deswegen, demjenigen, der mein Anfang war, obwohl mir Anfänge so schwer fallen:

 

Jamais

 

Ein ungemütlicher Wind lässt mich frösteln, als ich durch die leeren Straßen laufe. Der Regen hat sich gerade erst gelegt und noch immer ist der Himmel mit schweren, dunklen Wolken verhangen. Es ist unangenehm kalt und der nahende Herbst liegt in der Luft.
Ich laufe, ohne wirklich zu wissen warum, doch etwas hat mich nach draußen gezogen, etwas, das tief in mir schlummert.

Ich fühle mich müde und die graue Stadt um mich herum drückt auf meine Lungen, so dass mir das Atmen schwer fällt. Ein dumpfer Schmerz liegt auf mir, so offensichtlich, dass ich mir nicht einmal die Mühe mache, ihn irgendwie zu verstecken. Denn er ist da und so wie es aussieht, wird er bleiben.

Ich vergrabe die Hände in den Taschen meines Mantels, wütend auf mich selbst. Weil ich in Selbstmitleid versinke. Weil ich ohne Grund durch die Straßen laufe. Weil ich nicht einfach an das Glaube, was ich sage.
Dass es vorbei ist. Dass es weitergeht.

Weil ich die Vergangenheit nicht ruhen lassen kann.

Der Asphalt unter meinen Füßen ist noch nass und ich glaube nicht, dass das für heute alles an Regen war. Bald wird es dunkel werden.

In meinem Kopf spielt eine unbestimmte Melodie und ich versuche nichts zu denken. Doch selbst das ist ein Gedanke, also denke ich an Regen und an Straßen und an meine Schritte, die mich irgendwo hinführen.

Es überkommt mich ganz plötzlich, doch nicht völlig unerwartet. Ich wünsche mir, dass es wieder anfängt zu regnen, aber den Gefallen tut man mir nicht. Doch ich bin allein, also lasse ich zu, dass Tränen meine Augen füllen, weil an diesem Regentag alles wieder da ist. So wie es eigentlich immer da ist. Nur nicht so nah, wie heute.

Es gibt keinen Grund. Es gibt keinen Anlass. Es gibt nur schlechtes Wetter und kalten Wind.
Und wie immer, wenn ich zulasse, dass das, was da in mir schlummert, plötzlich erwacht, zieht mich das Wasser an.

Auf einer Brücke bleibe ich stehen und sehe nach unten. Wünsche mir, in dem Strom zu versinken, der durch den Regen gewachsen ist.
Kalt und dunkel fließt er und in meinem Kopf springe ich einfach. Aber natürlich würde ich das niemals tun.

Stattdessen weine ich noch ein wenig und gehe alle Gedanken wieder von vorne durch. Beleidige mich selbst. Dann andere. Dann die ganze Welt. Und wäre es nicht so schmerzhaft, könnte ich fast über mich selbst lachen.

Und in diesen intimen Moment stellt sich ein Fremder. Wagt es, mich anzusprechen.
Ich sehe ihn nicht an, als ich ihm antworte, dass es mir sehr wohl gut geht. Er kommt noch näher. Wie ich heiße, will er wissen. Ich sage es ihm und versuche ihm nicht zu zeigen, dass es den Schmerz ein winziges Bisschen lindert, dass ein Fremder sieht, was so viele andere nicht sehen.

Er heißt Teemu und weil seine Stimme mir gefällt, sehe ich ihn doch an. Der Rest von ihm gefällt mir auch. Ich schäme mich schon wieder meiner Tränen.

Ob er den Fluss auch so schön findet, jetzt in diesem Moment, frage ich ihn. Er lacht. Er weiß es nicht, sagt er, aber er hatte ein bisschen Angst, dass ich den Fluss so schön finde, dass ich springe.

Aber natürlich würde ich das niemals tun.

Das weiß er nicht. Also sage ich es ihm und hoffe, dass er mir glaubt, denn ich möchte nicht, dass er so von mir denkt.

Er ist jung, in meinem Alter, schätze ich. Vielleicht etwas älter. Auf jeden Fall sieht er gut aus und ich schäme mich ein bisschen, dass ich ihn so beurteile, dass ich jeden gleich danach beurteile. Aber so ist es eben. Und er sieht wirklich gut aus.

Er vermutet, dass ich wohl nicht erzählen möchte, warum ich so trist auf den Fluss starre. Ich bestätige seine Vermutung und bekomme dafür ein Lächeln von ihm. Was muss ich wohl tun, um das öfter zu sehen?

Wir gucken beide aufs Wasser. Ganz langsam beginnt es wieder zu regnen, aber sanfter als heute Nachmittag.

Ob er das auch kennt, dass man etwas einfach nicht vergessen kann, obwohl man es gerne möchte, frage ich ihn. Dieses Gefühl, etwas nicht akzeptieren zu können, obwohl man doch weiß, dass man es nicht mehr ändern kann.

Er überlegt lange bevor er antwortet. Er kenne es, sagt er, aber er versucht die Zukunft zu sehen, nicht das, was schon war.

Darum beneide ich dich, sage ich zu ihm und gucke auf meine Hände. Ich denke, er bereut, dass er mich angesprochen hat und ich bereue, dass ich ihm dieses Gefühl gebe. Er dachte, dass ich springen würde.

Aber natürlich würde ich das niemals tun.

Manchmal dauert es, bis das Vergessen funktioniert, sagt er irgendwann und dabei guckt er mich nicht an. Er sieht, wie ich, aufs Wasser und seine Stimme klingt ein wenig mehr, als verstünde er, wie ich mich fühle.

Ich hoffe, er hat recht. Denn das würde bedeuten, dass das Vergessen irgendwann kommt.
Ich hasse warten.

Ich vermisse Menschen, die es nicht verdient haben, vermisst zu werden.
Ich sage es einfach so, sachlich und nüchtern. Das Gegenteil meiner selbst. Am liebsten würde ich laut schreien.

Aber natürlich würde ich das niemals tun.

Wenn man seine Gefühle beeinflussen könnte, wäre das Leben leichter, sagt Teemu und schenkt mir noch ein Lächeln. Ich danke ihm stumm. Ich möchte mehr davon.
Am liebsten würde ich ihm alles erzählen. Am liebsten würde ich ewig mit ihm reden. Am liebsten würde ich ihn einfach so küssen.

Aber natürlich würde ich das niemals tun.

Der Regen wird stärker und in mir keimt die Hoffnung, dass das ein Anfang ist. Dass Teemu ein Anfang ist. Von Irgendetwas. Denn ich brauche wirklich ganz dringend einen Anfang.

So viele Wörter schwirren in meinem Kopf, doch ich traue mich nicht, eins davon auszusprechen. Was, wenn er denn geht? Was, wenn er dann bleibt?
Aber vielleicht ist er genau das, was ich zu vergessen brauche.

Ich versuche, ihn unauffällig anzusehen. Aber weil er mich auch ansieht, ist es nicht so unauffällig, wie geplant. Also sehen wir uns beide gleichzeitig nicht sehr unauffällig an. Seine Haare sind feucht und kleben an seiner Stirn und seine Augen sind sehr viel ruhiger als meine.

Er schiebt seine Hand über meine. Das Geländer ist kalt und seine Hand ist warm und meine Hand liegt dazwischen und das fühlt sich gut an.

Es gibt kein Wort, das beschreibt, was ich fühle, deswegen sage ich auch nichts. Er tut es auch nicht, doch sein Gesicht kommt immer näher und je näher es kommt, desto schöner wird es.

So sanft wie der Regen legen sich seine Lippen auf meine und verweilen dort für eine Sekunde, die ausreicht um mir zu bestätigen, was ich gedacht habe. Er ist genau das, was ich zum Vergessen brauche.

Ich erwidere seinen Kuss, ein wenig scheu und ein wenig mutig und mein Herz klopft, während etwas in mir langsam wieder einschläft. Gut so.

Seine Lippen sind alles, was jetzt da ist und sie sind, wie er ist. So schön. So sanft. So nah.
Ein Kuss sagt so viel mehr. Und zwei Küsse sagen es noch besser.
Ich küsse ich zurück und zeige ihm, dass ich vergessen will. Alles. Nur ihn nicht.
Es ist ein perfekter Moment und er ist viel zu schnell vorbei. Möchte so viel mehr davon.

Ganz schön kalt jetzt, findet Teemu. Man sollte sich aufwärmen. Am besten bei Kaffee.
Recht hat er. Ich bin kalt und nass und er ist es auch.

Er geht einen Schritt vom Brückengeländer zurück und sieht mich an. Ob ich denn nun mitkomme? Er würde sich freuen, sagt er. Aber wenn mir das lieber ist, könne ich auch hier im Regen bleiben.

Aber natürlich würde ich das niemals tun.

 

8.10.2010

19.6.11 20:09
 
Letzte Einträge: Auseinanderfallen, Kleine Lichtgestalt, Tipping Point


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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


mr.bounty (20.6.11 09:43)
wow.. sehr ergreifend. Ein Teil davon kommt mir doch schon erschreckend bekannt vor. Freut mich auf jeden Fall für dich dass du einen Anfang gefunden hast.. Viel Erfolg noch beim zu Ende bringen, andere Anfänge finden und genießen


Sanni (12.9.13 09:49)
So schön...kann mich nur anschließen: eine Geschichte, die berührt. Ich kenne den Fluß, die Brücke und auch den Moment, aber schön, dass mal jemand in Worte gefasst hat, und das auf so schöne Art!

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